Freies Wlan oder doch eher Wwahn

Ich denke, dass das Internet uns näher zu denen gebracht hat, die weit weg sind – und weg von denen, die nahe bei sind.“ gesagt von einem 16-jährigen Mädchen aus der Demokratischen Republik Kongo.

Mit dieser Aussage wird schon deutlich, dass Internet und Digitalisierung Fluch und Segen zugleich sein können und, dass ein angemessener Umgang mit diesen neuen Technologien wichtig ist.

Sie zu nutzen, unkritisch und unreflektiert, nur weil sie da sind, führt zu unübersehbaren Problemen.

Unbestreitbar ergeben sich aus Internet und Digitalisierung bemerkenswerte Vorteile für die Menschen und viele Möglichkeiten, Probleme zu lösen, z.T. auch solche, die wir Menschen durch eigene Fehler selbst zu verantworten haben.

Digitalisierung erleichtert uns das Leben in vielen Bereichen – wie in Bildung, Schulen, Universitäten, Forschung, Wissenschaft, Medizin, Wirtschaft, Organisation, Verwaltung, Informationsverarbeitung, Vernetzung.

Die Schattenseiten offenbaren sich aber, wenn wir betrachten, welche Auswirkungen Digitalisierung und Internet im pivaten Bereich haben, wenn diese Technologien zum Zeitvertreib, zur Freizeitgestaltung und rein kommerziell zur Steigerung des Konsums benutzt werden, wenn der Fetisch Konsum um des Konsums Willen, Produktion um der Produktion Willen durch die Digitalisierung im marktwirtschaftlichen Sinne optimiert wird.

Wir Nutzer der neuen Medien sind dann nur noch Akteure in einem Spiel, in denen Andere die Regie führen.

Ein besonders wichtiger und zentraler Punkt, warum Digitalisierung, Internet, besonders die unkontrollierte Nutzung im öffentlichen Raum durch Wlan kritisch zu sehen ist, ist der Kinder- und Jugendschutz.

Die Unesco sagt „Kinder gehören ins Zentrum der Digital-Politik“. Doch eine solche Politik gibt es ja noch garnicht.

Der Begriff Digitalisierung ist in der Politik eine Art Fetisch, den Politiker wie ein Kruzifix vor sich hertragen und mantraartig beschwören. Politiker freuen sich wie Frau Bär von der CSU, dass sie im Zeitalter der Digitalisierung leben und vielleicht von Drohnentaxis abgeholt werden können. Dass Digitalisierung aber eher der Büchse der Pandora entspricht, über deren wahren und komplexen Inhalt man nicht wirklich Bescheid weiß, scheint niemandem wirklich klar zu sein.

Die Unesco sagt in ihrem Bericht auch „Kinder müssen vor Online-Gefahren geschützt werden“, „die Privatwirtschaft (zu ergänzen wäre, besonders aber auch „der Staat“) muss ethische Standards und Praktiken vorschreiben“, „die Privatheit und die Identität von Kindern müssen geschützt werden.“ Nichts dergleichen ist bis heute Standard.

Einerseits ist es richtig und wichtig, dass Kinder in unsrer Zeit digitale Kompetenzen genau wie Lesen, Schreiben und Rechnen erlernen müssen, andererseits gibt es noch viel zu wenig wissenschaftliche Forschung, geschweige denn Erkenntnis, wie das geschehen kann und soll, vor Allem, womit Kinder in welchem Alter konfrontiert werden können.

Jährlich gibt es ca 20.000 Neuerkrankungen an Internetsucht, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen vergleichbar ist mit stofflichen Süchten wie bei Alkohol, Nikotin und anderen Drogen, für die allerdings gesetzliche Vorgaben und Regeln gelten.

Hier in Reinheim wird von RK und FWG gefordert, dass Wlan im öffentlichen Raum eingerichtet wird, ohne über die Konsequenzen und Risiken nachzudenken – stellen wir etwa in der Öffenlichkeit alkoholische Getränke zur Verfügung, damit sich jeder, auch Kinder und Jugendliche bedienen können? Das tun wir aus guten Gründen nicht.

Die Unesco sagt:„Alle Kinder und Jugendlichen müssen bezahlbaren Zugang zu qualitativ guten Onlineangeboten bekommen.“

OK, dem kann man zustimmen, wenn man das „qualitativ gut“ auch wirklich ernst nimmt. Dafür reicht es sicher nicht, die Kosten für den Internetzugang zu senken und mehr öffentliche Hotspots einzurichten und dafür auch noch politisch-populistisch in der Öffentlichkeit zu werben. Die Plakate des Reinheimer Kreises suggerieren ein Freiheitsgefühl. In Wirklichkeit ist das sogenannte freie Wlan im öffentlichen Raum aber der Weg in eine einengende Abhängigkeit, die umfassende Überwachung jedes Einzelnen und der Tod der Kommunikation im persönlichen Bereich. Wir sind näher bei denen, die weit weg sind und entfernen uns von denen, die in unserer Nähe sind.

Bevor wir dem Big-Data-Hype vollends verfallen, sollten wir uns dafür einsetzen, dass, zumindest was den Kinder- und Jugendschutz angeht (aber nicht nur), wirksame Maßnahmen und Gesetze parallel zur unaufhaltsamen und durchaus auch positiven Digitalisierung auf den Weg gebracht werden. Digital-Politik kann eben nicht nur der Ausbau der Netze und der Zugang dazu bedeuten. Digital-Politik muss auch den Umgang, den Missbrauch, die Inhalte und die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken im Blick haben.

Und dabei haben wir noch nicht über mögliche gesundheitliche Folgen von exzessiver „Verfunkung“ unserer Umwelt gesprochen. Das ist zugegebener Maßen ein umstrittenes Thema. Es gibt aber durchaus ernstzunehmende wissenschaftliche Untersuchungen, die Gefahren nahelegen. Wahrscheinlich ist auch hier die Dosis entscheidend.

So wie sich das Problem hier in Reinheim in Form der vorliegenden Anträge und in diesem Zusammenhang auch der Öffentlichkeitsarbeit der Antragsteller darstellt, geht es nicht um eine sinnvolle und bei Kindern und Jugendlichen auch kontrollierte Nutzung von Wlan, sondern eher um einen im Rahmen des Big-Data-Hypes entfachten WWahn.

Wir GRÜNEN lehnen das öffentliche unkontrollierte Wlan jedenfalls ab, zumindest bis die gesundheitliche Unbedenklichkeit sowohl im somatischen als auch psychischen Zusammenhang geklärt ist und eine klärende Digital-Politik den Umgang mit der Digitalisierung regelt. Bundespräsident Steinmeier hat es auf den Punkt gebracht: Wir brauchen eine Ethik der Digitalisierung.

 

Hans Menningmann, Kinder- und Jugendarzt, Bündnis90/Die Grünen